Dein Kind klammert sich an dich, weint, ruft „Mama, geh nicht" – und du gehst trotzdem, mit dem schlechtesten Gefühl der Welt. Zwei Minuten später, sagt die Erzieherin, ist alles wieder gut. In der neuen Folge von Fachlich. Menschlich. erkläre ich, warum genau dieses Weinen kein Alarmsignal ist – sondern ein Zeichen, dass etwas zwischen euch richtig läuft.
Wenn dein Kind beim Abschied weint, ist das kein Beweis dafür, dass es ihm an der Kita schlecht geht. Es ist ein evolutionär verankertes Bindungssignal: „Du bist mein sicherer Hafen, und ich zeige dir, dass mir die Trennung etwas bedeutet." Die Bindungsforschung von Bowlby und Ainsworth beschreibt dieses Verhalten seit Jahrzehnten als normalen, gesunden Teil der kindlichen Entwicklung.
Das Nervensystem deines Kindes schaltet um, sobald der Abschied vollzogen ist – oft innerhalb weniger Minuten. Du dagegen trägst das Bild der weinenden Augen womöglich noch Stunden mit dir herum. Das ist kein Zufall und kein Versagen deinerseits.
Verständlich ist der Impuls, sich davonzuschleichen, wenn das Kind gerade abgelenkt ist. Genau das ist aber, auch wenn gut gemeint, der größte Fehler. Heimliches Verschwinden untergräbt das Vertrauen. Ein klares, wiederkehrendes Abschiedsritual gibt deinem Kind dagegen Orientierung.
Wie du selbst den Abschied gestaltest, überträgt sich direkt auf dein Kind. Strahlst du Zuversicht aus – ruhig, klar, ohne lange zu zögern –, signalisierst du: „Das hier ist sicher."
Du bist nicht der Grund für die Tränen. Du bist der Grund, warum es danach wieder gut wird.
🎧 Jetzt reinhören: Die ganze Folge gibt es auf Spotify. Quellen u.a.: Bowlby, J. (1969): Attachment and Loss, Vol. 1; Ainsworth, M. et al. (1978): Patterns of Attachment.